Kia Ora aus Neuseeland

Happy Holiday!

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Dear XXX

I am very dependent on the help of various organizations and the only question was if you know any politically active personalities in Wellington, with whom I can contact. I would have said something more, but the phone card was empty. I frustrating slowly in New Zealand, because I have to justify my project again and again. The question if I have a disability by myself, I felt very ashamed after this. What did that mean? Do you think, I can´t understand life because of living without any impairments? I stand 100% behind my project and invest a year of my life for this, cause it should support a home for the disabled in Guetamala and India afterwords and I am supporting the human rights for people with different needs at any time, and I won´t earn any money with it. I am a teacher in Germany fighting for inclusion, this is so important for me.I have only asked for addresses and I am so disappointed. I can understand that you have no time. My request was not great and I ended up in a discussion about my project. That was a shame.

 Hi Dennis

I think you misunderstand me.  I asked about the project because I wasn’t sure what it was that you needed from us.  And  I asked if you have a disability because the framing of the project didn’t sound like it was coming from the perspective of someone with a lived experience, e.g: focussing on the challenges / struggles.  It wasn’t meant to be offensive but if I am to pass on my contacts to you I need to first inform the person for what reason and who wants to know….

In New Zealand, like in many western countries, we have a phrase ‘nothing about us, without us’ it’s important to people that policy, films, anything that is about people with disabilities has the involvement of people with disabilities and not just in the passive sense of the person being filmed.  I don’t doubt your intentions sound very honourable and charitable but this is something you will get asked…

 So because of privacy and data protection, and my lack of understanding of your project I would not feel comfortable passing on my contacts

However

 XXX

DSC01905Ich kann kaum beschreiben, wie ich am Telefon innerlich geplatzt bin, das Telefonkabel mit aller Kraft erwürgte und mich äußerlich sehr davor bewahren musste, nicht die Fassung zu verlieren (allerdings kann man einen roten Kopf psychologisch schwer unterdrücken – habe ich mal gelesen). Attitute TV also: Ein Nachrichtenportal von Menschen mit Behinderung. Und ich der Schelm, der nur Böses im Schilde führt. Warum soll man sich in dieser Welt auch für die Rechte der Menschen einsetzen, die einen primär gar nicht im eigenen Leben tangieren? Und warum kann ich mich nicht in die Lebenswelt einer anderen Person hinein fühlen? Ist das nicht der Sinn und Zweck von Empathie und sozialen Zusammenleben, seit wir in der Steinzeit erste Wohngemeinschaften gegründet haben? Gewiss, ein Gefühl, täglich mit einer Behinderung zu leben, kann ich nicht vorweisen. Auch weiß ich nicht, wie sich Diskriminierung aufgrund einer Beeinträchtigung anfühlt. Aber habe ich nicht selbst so bitterlich erfahren, wie mich Menschen aufgrund meiner Lebensentwürfe ausgelacht, abgewertet und ausgegrenzt haben? Ist es letztendlich nicht egal, aus welchem Grund man von einer Mehrheit zum Außenseiter degradiert wird, solange man das Gefühl in sich trägt, es sei etwas falsch an der eigenen Person?

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Kerzenwerkstatt in Hohepa Farms

In diesem Telefongespräch musste ich mein Projekt plötzlich vor einer unbekannten Frau rechtfertigen und als ich ihr erklärte, dass mein Fokus auf dem gesellschaftlichen Umfeld liegen wird und ich die Menschen nach ihren täglichen Herausforderungen befragen will, fiel mir die Dame am anderen Ende der Leitung ins Wort und sprach in aller Deutlichkeit: „Barrieren? Herausforderungen? Sag mal, was glaubst du eigentlich, wie wir leben? Wir sind doch keine Opfer! Also aus solch einer Perspektive heraus, kannst du keinesfalls einen objektiven Blick auf das Thema Behinderung werfen. Tut mir leid, so arbeiten und denken wir nicht. Ich bin deshalb nicht gewillt, dieses Projekt zu unterstützen. Außerdem bereiten wir uns auch gerade auf die Paralympics vor.“ Na dann viel Erfolg!

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Jane beim Sortieren der kerzen

Ich habe mit Wolfgang Wolf, einem Mann, der mit 39 Jahren einen schweren Schlaganfall erlitt, über das Selbstverständnis von Menschen mit Behinderung gesprochen. Er vertritt die Ansicht, dass es niemandem etwas nützt, wenn man für sich selbst den Anschein erwecken will, das man mit keiner Behinderung lebt, da eine gewisse Unterstützung auch sonst nicht möglich ist. Das heißt allerdings nicht gleichzeitig, dass man sich über seine Behinderung identifiziert, sondern sich ausschließlich selbst eingesteht, dass man nach medizinischer Definition eben mit einer dauerhaften Beeinträchtigung lebt, selbst wenn man nicht in seiner sozialen Selbstbestimmung eingeschränkt ist. Wolfgang betreibt neben vielen anderen Projekten einen Onlineversand, der ausrangierte Computer an Menschen mit Behinderung weiter vermittelt. In einem Telefonat mit einem Vater, wurde über die Art des Computers gesprochen und Wolfgang wollte wissen, mit welcher Art von Behinderung sein Sohn denn lebe. Dieser weigerte sich allerdings hierüber Auskunft zu geben, mit dem Verweis auf die Würde des Sohnes. „Nun, wenn sie mir nicht sagen, mit welcher Behinderung ihr Sohn lebt, dann gibt es auch keinen Computer, denn ich kann nur Computer an Menschen mit Behinderung vermitteln.“

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Wolfgang: Ein bescheidender Mann mit so viel inspirierender Weisheit

Dieses Thema hat sich in den letzten zwei Monaten wie ein roter Faden quer durch Neuseeland gezogen: Labeln! Was ist eigentlich der politisch korrekteste Begriff und welche Formulierung tangiert die Würde des Individuum in hohem Maße? Oft schreibe ich in meinem Blog der Einfachheit halber von „ Menschen mit Behinderung“. Mir ist es wichtig, dass der Mensch im Vordergrund steht und eben die Behinderung nicht zu seiner Persönlichkeit gehört. Aber dadurch ist es meines Erachtens auch noch lange nicht getan. „Mensch mit Beeinträchtigung“ rückt zwar ebenfalls den Menschen in den Mittelpunkt und doch suggeriert die semantische Beifügung einen euphemistischen Begriff der Schwäche. Schreibe ich „Mensch mit besonderen Herausforderungen“ stelle ich das Leben dieser Person als einen ewigen Kampf dar, der man sich mit gestählter Brust entgegenwerfen muss, um zu überleben. Und denke ich über solche Dinge nach, dann frage ich mich selbst nach meiner politisch korrekten Bezeichnung: „Mensch mit männlichen Tendenzen“, oder Mensch mit geringen Beeinträchtigungen“ oder Mensch, der von seinen Eltern Dennis genannt wurde und ohne Brille nicht mehr viel sieht, nach einem kurzen Sprint schon halb krepierend am Boden liegt, der Mensch, welcher bei Gewitter zitternd unter Brücken kauert und rückwärts nicht einparken kann, Angst vor dem weiteren Verfall seiner Haarwurzelstruktur und dem Altern hat, der Mensch, der körperlich unbeweglicher ist als ein nachbarschaftlicher Rechtsstreit und nur bei größter Stille einschlafen kann. All diese Fragen führen uns unweigerlich zur Postmoderne und ihrem Identitätsbegriff und dem eigenen Selbstverständnis seiner eigenen Persönlichkeit angelangt: Was ist der Mensch? Sehr deutlich beschrieb John Marrable, Mitarbeiter im Community House in Dunedin, was ihn als Mensch ausmacht: „I am John, just John, maybe John, who is too lazy, to make the dishwashing, but I am not the Wheelchair-John!“

DSC01938Nach diesem Gespräch mit Attitute TV und der anschließenden Abfuhr, habe ich allerdings versucht, ihre Sichtweise im Kontext des gesamten Landes Neuseeland zu sehen. So bin ich die letzten sechs Monate durch Nationen gereist, die mit Menschenrechten sehr nachlässig verfahren. Persönlichkeitsrechte werden häufig mit Füßen getreten. Das Recht am eigenen Bild war häufig nicht einmal gesetzlich verankert. Daher habe ich allen und jeden gefilmt und nur in persönlichen Interviews darauf hingewiesen, dass ich die Persönlichkeitsrechte achten und das Material im Film nicht verwenden werde, wenn es jemand nicht wünscht. Oft schaute ich nach dieser Aussage in fragende und sehr verunsicherte Gesichter. In Neuseeland läuft der Hase wieder ganz anders und klar: Ich kann keinen Film über Menschenrechte drehen und auf der anderen Seite ignorierend darüber hinwegsehen. Das heißt aber auch, dass ich für jede gefilmte Person, selbst wenn sie mir nur „durch die Kamera gelaufen ist“, einen Vertrag verfassen musste, der persönlich unterschrieben und archiviert wurde. Gleichzeitig konnte ich häufig nur dann eine Dreherlaubnis erhalten, wenn ich vertraglich zusicherte, dass ich die Aufnahmen nicht gegen die Institution verwenden werde. Was zur Folge haben wird, dass ich über mein späteres Ergebnis in einer Kommission und ohne meine Abwesenheit Rechenschaft über die Darstellung meiner Geschichte ableisten muss. Dies kann für eine Dokumentation sehr hinderlich sein, zumal ich ja die Realität darstellen möchte und mir nicht den Blick in die Institution nehmen lassen möchte. All das hat natürlich auch Grenzen. In Saigon hätte ich auch nicht aus dem Krankenhaus direkt zur Verwaltung rennen können, um zu sagen: „Ja, also, ich hab gerade heimlich im Peace Village die Kinder gefilmt, wie sie von ihren Krankenschwestern mit Seilen, Tüchern und Handschellen ans Bett gekettet wurden. Kann ich die Aufnahmen für meinen Film verwenden? Ich werde das schon irgendwie positiv darstellen“ Die Begeisterung hierüber hätte sich bestimmt in Grenzen gehalten.

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Nightmares on Wax

Die Würde des Menschen zu achten und das Recht auf Selbstbestimmung genießen in Neuseeland höchste Priorität. Lange Verwaltungswege inklusive. Dies erweist sich allerdings als komplizierter, wenn der Mensch mit einer geistiger Beeinträchtigung lebt. Will ich praktisch mit einer Frau mit Downsyndrom ein Interview über selbstbestimmtes Leben führen, dann kann es sein, dass sie dies gar nicht für sich entscheiden darf, da ihre Mutter im rechtlichen Sinne ihr Vormund ist. Ein Paradoxon, welches die Frage aufwirft, ab welchem IQ das Recht auf Mündigkeit erteilt wird. In der UN – Konvention für Menschenrechte steht deutlich geschrieben, dass jeder Mensch seine eigenen Angelegenheiten frei und ohne die Einmischung von anderen – insbesondere durch staatliche Einmischung – regelt, soweit sie sich im Einklang mit den anerkannten Regeln der jeweiligen Gemeinschaft befindet. Von einer hierzu benötigten Intelligenz steht dort allerdings nichts. Wo liegt also die Grenze zwischen freiheitlicher Selbstbestimmung und fürsorglicher Fremdbestimmung?

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Und sie dreht sich Docht!

Auf der Suche nach Personen, die sich vor der Kamera „frei äußern“ durften, kam es immer wieder zu solchen Dialogen:

Ich: „Hey James, hast du Lust, Dich von mir interviewen zu lassen?“

James: „Was meinst du damit?“

Ich: „Naja, ich begleite dich für ein paar Tage durch dein Leben, schaue mir an, wo du wohnst und stelle dir ganz viele Fragen über alles, was dich im Alltag bewegt…“

James: „Das hört sich toll an, man. Gerne, kommst aber auch bei mir Zuhause vorbei?“

Assistent: „Du das geht leider nicht! – James kann das gar nicht für sich entscheiden. Seine Mutter muss hierfür die Zustimmung treffen. Sie ist rechtlich für ihn verantwortlich.

Ich: „Echt?“

James: „Echt?..oh, haha,….dann geht das wohl nicht, Bro!“

Sagte James, setzte sich seinen Hörschutz auf und fuhr mit dem vollbeladenen Traktor davon.

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James und ich…

Inklusion wird in Neuseeland trotz alledem so groß geschrieben wie in keinem anderen Land, welches ich bisweilen bereiste. Das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen scheint zum kulturellen Verständnis von Neuseeland zu gehören. Man ist auf dieser Insel grundsätzlich sehr tolerant. Vielleicht mag es an der Tatsache liegen, dass Neuseeland schon immer ein klassisches Einwanderungsland war, welches in seiner jungen Geschichte das Thema Menschenrechte stark im Fokus hielt. Sei es beim Frauenwahlrecht, Homosexualität oder der rechtlichen Gleichstellung von Maoris und den Immigranten (Wie nennt man die englischen Besatzer jetzt eigentlich wieder korrekterweise? Immigranten mit kolonialistischen Anspruch? Und sind die Maoris auch nur hinzugezogen? Schwierig -anderes Thema). Die Neuseeländische Regierung war schon immer einen Schritt weiter als seine Nachbarländer (Nur im Brotbacken – eine Katastrophe…). So hat Neuseeland schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts Gesetze erlassen, welche die Rechte aller Menschen mit Behinderung stärken. Zur Zeit werden eben diese Gesetze durch weitere Punkte konkretisiert und der Begriff Inklusion für Institutionen und Dienstleistungen unmissverständlich definiert: Der rechtliche Rahmen hierzu wird Code of Health and Disability Services Consumers´Rights genannt.

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Aus der Holzwerkstatt

Menschen mit Behinderung, welche Dienstleistungen in Anspruch nehmen, erhalten durch dieses Gesetz das volle, verfügbare Recht in allen Entscheidungsfragen. Sein „Profiler“ übernimmt dabei lediglich beratende Verantwortung. (Das ist dahingehend ganz spannend, da James beispielsweise mir zum Interview hätte zusagen können, selbst wenn seine Mutter dagegen gewesen wäre, obwohl sie die rechtliche Fürsprecherin ist. Im Fallbeispiel kann das so aussehen: James ist sich nicht sicher und weiß keine eigene Entscheidung zu treffen, dann übernimmt die Mutter als rechtliche Fürsprecherin diese Aufgabe und entscheidet verantwortungsvoll für ihren Sohn. Kann James konkret zwischen zwei Entscheidungen eine klare Wahl treffen, hat die Mutter kein Mitspracherecht, sondern darf ihren Sohn nur noch beraten) Jeder Mensch mit Behinderung hat weiter das gleiche Informationsrecht und darf darauf bestehen, dass die jeweilige Situation verständlich und in leichter Sprache angeboten wird. Jeder genießt vollen Respekt. Die Privatsphäre des Einzelnen wird geachtet. Der volle Service einer Dienstleistung wird zugesichert. Der Genuss der Würde und der Freiheit vor Diskriminierung, dem finanziellen und sexuellen Missbrauch wird höchste Priorität eingeräumt. Sie erfahren in der Rehabilitation und in der medizinischen Versorgung das komplette Angebot in Qualität, Beratung und Service. Alle Entscheidungen trifft ein Mensch mit Behinderung im vollen Umfang für sich selbst. Kann derjenige, welcher eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, nicht eindeutig entscheiden, hat der Assistent (Provider) die Verantwortung, mit entsprechend leichter Sprache über die Möglichkeiten aufzuklären. Fühlt sich der Betroffene durch seinen Provider fremdbestimmt, so erlaubt das Gesetz, dass man sich bei Bedarf von seinem Assistenten jederzeit trennen darf.

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http://www.hbitf.org.nz/classes.html

Na, das wäre doch mal ein interessantes Model zum Nachahmen. Ich kann mich noch gut an die Zeit in einem Wohnheim in Bad Homburg erinnern, als mit Worten „rechtlicher Betreuer“, „Taschengeld“ oder „Erziehungsmaßnahme“ der Gedanke an ein selbstbestimmtes Leben gar nicht möglich war. Die einzige Entscheidungsfreiheit, die hier existiert hat, war, ob sich die Leute abends Wurst oder Käse auf die Brotscheibe legen durften (wobei die Anzahl der Scheiben auch wieder stark legitimiert war). Für viele war der Begriff des „rechtlichen Betreuers gleichgesetzt mit der Funktion eines Erziehers, der seine erwachsenen Kinder durchs Leben leitet.. So konnte es seinerzeit dazu kommen, dass eine Frau, die zum festgelegten Zeitpunkt keine Lust zum Wäschewaschen hatte, damit bestraft wurde, dass man ihr die gläserne Kaffeemaschine in das Schlafzimmer auf den Boden warf und sich mit den Worten verabschiedete: „So jetzt wird für eine Woche keine Wäsche gewaschen. Kannst von mir aus wie ein Tier stinken!“

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Der Herr hier links im Bild leitete die Gesamte Taekwondo-Gruppe für 10 Minuten

Das wäre in Neuseeland absolut unmöglich. Menschen mit Behinderung genießen hier sämtliche Menschenrechte. Ohne wenn und aber! Man nimmt am öffentlichen Leben teil, Barrierefreiheit wird großgeschrieben und Beratungszentren findet man in so ziemlich jeder Kleinstadt. Es ist nicht einmal nötig, eine Person mit Rollstuhl in den Bus zu begleiten. Niederflurbetriebene Busse sind obligatorisch. Sonst weiß der Busfahrer zu helfen. Man nimmt sich Zeit. Nun will Neuseeland einen weiteren Schritt Richtung Inklusive Gesellschaft gehen und die UN Konvention für Menschen mit Behinderung im vollen Umfang umsetzen: The Pathway of Inclusion, eine Erweiterung der Disability Strategy von 2001, soll die Selbstständigkeit und die Partizipation zusätzlich unterstützen. Zwei Bereiche sollen mit diesem Gesetzesentwurf weiter verbessert werden:

 

  1. Der freie Zugang zum ersten Arbeitsmarkt
  2. Das selbstbestimmte Wohnen in der Kommune

 

Die Arbeitsstellen, sollen allerdings wahre Jobs sein und die Möglichkeit eröffnen, angemessene Fertigkeiten und Fähigkeiten zu lernen und auch einzusetzen. Damit ist das 1960 verabschiedete Gesetz Disabled Persons Employment Promotion Act nochmals um einen wichtigen Punkt erweitert worden: Raus aus den Werkstätten für Menschen mit Behinderung, weg von unverhältnismäßiger Bezahlung und eingeschränkte Wahlfreiheit bei Beschäftigungsart oder Festlegung des Urlaubszeitraums. Rein ins Leben! Die ArbeitnehmerInnen erhalten dabei die volle Unterstützung, selbst wenn eine Vollbeschäftigung stellenweise nicht möglich ist. Weiter verfolgt dieses Gesetz die Auflösung von Wohngruppen, in welchen meist Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung leben. Ziel ist es, Häuser innerhalb der Kommune anzumieten, in welche gewillte Menschen einziehen können. Hohepa, eine anthroposophische Organisation, ist gerade dabei, diesen Prozess zu gestalten. Allerdings sind viele aufgrund jahrelanger Erfahrungen in großen Wohngruppen regelrecht institutionalisiert und benötigen ein spezielles Training.

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Luce im National Aquarium

Kommen wir nochmals auf Menschen mit geistiger Beeinträchtigung zurück: Wenn man sie ein Leben lang wie ein Kind begleitet, ihnen sämtliche Entscheidungen abnimmt und sie stets in einem geschützten Lebensraum führt, dann muss man sich nicht wundern, wie träge der Mensch wird. Ich denke, dass es bei Menschen ähnlich ist, die nach dem Absitzen einer langen Haftstrafe plötzlich wieder für sich selbst entscheiden dürfen. Wen würde dies nicht überfordern? Hindern also solche Wohnprojekte das Individuum daran, sich in seiner Persönlichkeit zu entfalten oder bieten sie dem Einzelnen einen Schutzraum, indem jeder so sein darf, wie er will, ohne durch die „große Welt“ gefährdet und geschädigt zu werden?

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Teresa beim Abpacken und Abwiegen im Organic Shop Hastings

Hohepa Farms, eine anthroposophisches Wohnprojekt, bietet Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung seit über 25 Jahren einen Lebensbereich an und kombiniert Wohnen und Arbeiten auf einem eigenen Gelände. Der Pathway of inclusion ist nun für diese Institution handlungsleitend und so hat man die ersten kleinen Wohngemeinschaften außerhalb der Einrichtung gegründet. Ziel ist es, diese jahrelange Institutionalisierung wieder „abzutrainieren“. Denn erst dann kann ein unabhängiges Leben möglich werden. Zwei ehemalige Bewohner von Hohepa Farms durfte ich eine Woche lang in ihrem Alltag begleiten. Ihre Namen sind Luce und Teresa.

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Luce in der Käserei – Hohepa Farms

Luc und Teresa leben mit dem Downsyndrom und beide haben mich schwer beeindruckt. Ich war nach dieser Woche sprachlos. Schwer zu beschreiben, warum. Beide haben praktisch ihr gesamtes Leben auf Hohepa Farms verbracht, bevor sie vor einem Jahr mit drei weiteren Personen in ein eigenes Haus zogen. Plötzlich war niemand mehr da, der ihnen Essen servierte, sie morgens weckte, ihnen Taschengeld auszahlte, die Wäsche wäscht und den Einkauf erledigt. Ich denke, dass alle, die diesen Prozess begleiteten, sehr überrascht darüber waren, wie wenig Luce und Teresa selbst erledigen konnten. Um Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erlernen, die zu mehr Selbstständigkeit führen, wurden beide täglich beim Erledigen ihrer Aufgaben begleitet: Sei es auf der Arbeit, beim Einkauf, bei der Essensvorbereitung, beim Wäschewaschen oder bei der Freizeitgestaltung. Jedoch wird diese Unterstützung jede Woche weiter zurück gefahren, bis sich die Assistenten überflüssig gemacht haben. Was Luce und Teresa in einem Jahr für sich erlernen konnten, ist beispielhaft.

Teresa

vlcsnap-2014-03-06-09h52m25s207Teresa ist 32 Jahre alt. Ihre Familie lebt in Australien. Kontakt zu ihrer Mutter hat sie keinen. Manchmal bekommt sie Besuch von ihrem Bruder. Teresa bewohnt ein kleines Apartment mit eigener Küche, einem Wohnzimmer, einem Badezimmer und einem Wohnzimmer. Sie hat sich die Wohnung selbst eingerichtet. Sie liebt Musical und schwärmt von Abba. Auf ihrem eigenen Laptop schaut sie sich gerne Filme ihrer Lieblingsband an. Teresa ist sehr sportlich. Sie fährt selbstständig mit dem Fahrrad zu einer Tanzgruppe und besucht zweimal in der Woche eine Wassergymnastikgruppe. Teresa arbeitet in einem Bioladen in Hastings. Hier verpackt sie vorzugsweise Gemüse und Obst, wiegt dieses und bringt es zum Verkauf in die Auslage. Weiter arbeitet sie in einer Weberei und gestaltet Teppiche nach eigenen Ideen.

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Teresa in der Weberei

Sie besucht einen Geldtrainingskurs, damit sie ein Verhältnis für Zahlengrößen und Preise bekommt. Teresa wünscht sich, selbst einmal nach Australien zu verreisen und ist persönlich sehr stolz, dass sie endlich ihre Ruhe hat und nicht mehr in der großen Gemeinschaft leben muss. Mehrmals die Woche kocht sie für sich und zwei weitere Bewohner. Was es zu essen gibt, entscheidet sie selbt. Teresa hat mich sehr begeistert, weil ich noch nie einem Menschen mit Downsyndrom kennenlernen durfte, der so im leben stehen durfte wie diese Frau. Teresa selbst will übrigens keine Kinder haben, weil ihre Mutter sie auch nicht haben wollte und sie geschlagen hat.

Luce

vlcsnap-2014-03-06-09h51m37s194Luce ist 28 Jahre und ein großer Michael Jackson Fan, dessen Lieder er abends einstudiert. Luce will Schauspieler werden und schreibt Bewerbungen an eine Neuseeländische Telenovela. Er nimmt Gitarrenunterricht und schreibt seine eigenen Lieder. Luce arbeitet in einer Käserei und ist dafür zuständig dass die über 300 Laibe regelmäßig gewaschen und gewendet werden. Diese Aufgabe erfüllt er komplett selbstständig. Weiter verpackt er den Käse für den verkauf und reinigt die Milchanlage. Freiwillig arbeitet Luce jeden Freitag im Nationalen Aquarium in Napier. Hier reinigt er die Filter der Wasserbecken und füttert die Fische. Zu allen Arbeitsstellen fährt Luce mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wurde er vor einem Jahr noch bis an die Forte begleitet, reist er heute selbstständig an. Luce besucht ebenfalls den Geldtrainingskurs und ist in der Lage, seinen eigenen Einkauf zu organisieren.

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Luce beim Kochen

Als wir an einem Abend zusammen gekocht haben, stand am Ende ein beachtliches Essen auf dem Tisch. Zum Abendessen erschienen sechs Personen, die sich auch zugleich auf die Kartoffeln stürzten. Ich dachte, dass wir uns gleich alle in tiefe Gespräche begeben. Doch plötzlich stand der Gastgeber mit seinem Teller auf und ließ sich entschuldigen. Er schaut jetzt seine Serie. Wir sollen noch einen schönen Abend haben. Und verschwand auf sein Zimmer.

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Luce in der Umkleidekabine des National Aquariums

Beide sind für mich ein Beispiel für gelungene Inklusion und ein Beweis dafür, was alles möglich ist, wenn wir uns Zeit und Ruhe für individuelles Lernen nehmen. Denn dann geben wir jedem die Chance, am Abenteuer Leben teilzunehmen.

Ich habe in einem sehr bewegenden Gespräch mit Andy White, dem Manager von Hohepa Farms, die Frage gestellt, wie denn das perfekte Hohepa aussehen könnte: „Nun, dass beste Hohepa wäre, ……wenn es keins mehr gibt.“

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Gemälde von Wolfgang Wolf