Post aus Australien!

Down under in Perth

Auf einer Toilette fand ich über dem Klopapaierhalter das Buch „Staying Sane“ von Robert Treborlang. Eine blöde Lektüre, die höchstwahrscheinlich nicht grundlos an diesem Ort abgelegt wurde. Trotzdem blätterte ich durch die Seiten, da man sich ja bekanntlich so ziemlich alles in einer Toilette durchliest, selbst wenn es sich hierbei um ein koreanisches Modemagazin handelt. Robert Treborlang beschreibt auf knapp 200 Seiten eine wohl witzig gemeinte Persiflage auf die australische Gesellschaft. Nicht wirklich spannend und lustig schon gar nicht. Beim Durchblättern fand ich allerdings dieses unten aufgeführte Statement, welches ich nach zwei Wochen mit großer Zustimmung genau so unterschreiben würde.

„As a rule Australian are friendly and cheerful over the telephone. Unlike many overseas interlocutors they welcome your call and are happy to exchange views and informations. The general awareness of good phone manners is extreme high, in line with the lofty scale of civilisation reached in the entire nation. It is virtually inconceivable not to want to do business with most Australians after the friendly reception they offer callers. Australian are so invarable keen to postphonediscussions or negotiations to a further date. Your expected an traditional course of action is to: Agree readily on a time and date at which they are going to ring you back; and then – Forget all about it. As soon as you hang up you must not expect to hear from them again.“

perth skylinePerth: Eine Stadt am Rande der Wüste. Außer Sand, Sonne und Shoppingcenter gibt es hier nicht viel zu sehen. Historische Gebäude – Fehlanzeige. Die Innenstadt – ein unausweichliches Konsumentenlabyrinth, das einen verschluckt und erst wieder frei gibt, wenn du dein gesamtes Geld in den ewig gleichen Geschäften für Nichtigkeiten vernichtet hast. Diese Einkaufsmeilen sind gleichzeitig die einzigen Orte, an welchen die Australier zu Fuß anzutreffen sind. Sonst erweist sich der Bürgersteig als sehr überflüssig. Die Bevölkerung von Perth liebt ihre Autos. Selbst das Fahrrad erfährt als Fortbewegungsmittel keine große Wertschätzungen. In Schwimmbädern sucht man daher vergebens nach einem ausgewiesenen Fahrradparkplatz. Vielleicht liegt es auch daran, dass die rigide Polizei jeden Fahrradfahrer sofort vom Sattel schießt, der keinen Helm trägt. Wer will bei solcher Angst dann noch auf dem Drahtesel durch die Gassen heizen, wenn hinter jeder Ecke eine staatliche Erziehungsmaßnahme lauert? Die Gesetze in diesem Land sind strikt. Und wer bei 40 Grad auf einem klapprigen Fahrrad leidend durch die endlos langen Straßen radelt , kann nur ein Massenmörder sein. Sonst habe ich mich allerdings immer sicher gefühlt, da tausende von Überwachungskameras meinen Alltag begleiteten. Selbst auf Konzerten von Ill Nino und Terror wird nicht nur der Ausweis abgescannt, sondern auch ein Foto von Dir und deinen vermeidlichen Freunden gemacht (für 21 Tage zu deiner eigenen Sicherheit aufbewahrt). Mein Protest wurde allerdings nicht verstanden. Mein erhobener Zeigefinger auf internationales Recht führte zu einer schnellen Zurechtweisung mit dem Verweis: „Das ist alles für deine Sicherheit, denn wenn jemand deine Jacke klaut (Al Kaida?)…“ Dass es keine Balance zwischen Freiheit und Sicherheit gibt, wird den Australiern vielleicht auch bald auffallen. Solange dies allerdings noch nicht der Fall ist, durchwühlen großgewachsene Sicherheitsbeamte meinen Rucksack nach vermeidlich gestohlenen Supermarktprodukten. Naja, war halt mal eine Gefängnisinsel…

DSC02447Unter der Woche dominieren die Frauen die Stadt, da die meisten Männer in den entlegene Mienen nach Diamanten schürfen und dorthin  jeden Sonntag ausgeflogen werden. Hier verdient man nicht schlecht, was wiederum die Preise in der ganzen Stadt so dermaßen in die Höhe getrieben hat, dass man nicht weiß, ob man eine im Supermarkt erstandene Karotte jetzt essen oder lieber an einer Kette um den Hals tragen soll. In Backpackern zu wohnen ist schier unbezahlbar. Gleichzeitig teilt man sich den Raum mit zwielichtigen Gestalten, die sich schon einmal dazu entschließen, durch deine Sachen zu wühlen oder dein Bett ungefragt zum Schlafen benutzen. Deshalb habe ich die letzten 10 Tage in einer Gartenlaube gewohnt. Mein kleines Bett in der Mitte des „Raumes“ stand in einem okkulten Bannzirkel aus Gift. Besser als in der Garage hinter einem Auto zu schlafen, aber da wohnte schon eine Chinesin. Nun, anders kann man sich Perth wirklich nicht leisten.

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Friede der Hütte

Perth ist einfach zu groß. Die Institutionen oft am anderen Ende der Stadt und mein Fahrrad eine technische Katastrophe. Ständig mit dem Bus zu fahren, erweist sich auch nicht als sonderlich wirtschaftlich, da man bei diesen Preisen schon mal in die Verlegenheit gerät, den Busfahrer Chauffeur zu nennen. Also war der Minipanzer mit gebrochenen Pedalen mein einziges Fortbewegungsmittel.

Wie ich anfangs erwähnte, trat ich vorab mit verschiedenen Organisationen telefonisch in Kontakt und wartete wiederum tagelang auf eine Antwort – die allerdings nie kam. Dachte mir dann: Was in Vietnam funktioniert hat, kann hier wohl nicht so verkehrt sein. Und damit entschloss ich mich, die verschiedenen Institutionen ungefragt zu stürmen. Dieses Vorhaben erwies sich allerdings als regelrechter Rohrkrepierer und manchmal kam ich noch nicht einmal an der Empfangsdame vorbei. Oder ich durfte vom Empfang aus in die oberen Stockwerke telefonieren, was mit ähnlichen Ergebnissen abgeschlossen wurde. Ich kann natürlich verstehen, dass ich nicht mit Blumen und Pralinen empfangen werde, aber die vielen positiven Gespräche am Telefon passen einfach nicht zur abweisenden Haltung, die ich anschließend in den Institutionen erfuhr. Wahrscheinlich bekommen sie permanent solche Anfragen und natürlich sind sie in erster Linie für ihre Klienten zuständig. Und dennoch! Ich habe mit dem Chef einer Institution einen sehr regelmäßigen Mailkontakt gehabt und ihn detailliert erklärt, was der Sinn und Zweck meines Filmprojekts ist. Eben dieser hat meine Mails auch an alle möglichen Leute weitergeleitet. Wenn ich dann am Ende vor ihm stehe und er mich seinen Kollegen mit den Worten vorstellt, „ja das ist der Dennis aus äh Deutschland, ja?.. und der macht Fotos von Behinderten…für welches Magazin nochmal?“, kann ich nur noch schreibend die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Wie auch immer. Ich habe in meinem Artikel über Vietnam beschrieben, wie ich mich für einige Zeit an eine Straßenecke setzte und die Menschen beobachtete. Nochmals zur Erinnerung: In Vietnam leben etwa 10% der Gesamtbevölkerung mit einer Behinderung. Auch nach einer halben Stunde der Observierung konnte ich damals niemanden entdecken, der sich mit einem Rollstuhl oder anderen Hilfsmitteln seinen Weg durch die Massen bahnte. Menschen mit Behinderungen nehmen in Vietnam am öffentlichen Leben nicht teil. Man sieht sie nicht! Es ist erstaunlich, wie deutlich das einem auffällt, wenn man ganz bewusst darauf achtet. In Australien ist es offensichtlich selbstverständlich, dass alle Menschen einen uneingeschränkten Zugang zu allen gesellschaftlichen Bereichen erhalten. Jedes Gebäude verfügt über einen barrierefreien Zugang. Die gesamte Stadt besitzt Ampelanlagen für Menschen mit Seh- und Hörbeeinträchtigungen, alle Bahnen (jawohl, liebe Deutsche Bahn!) sind mit Niederflurtechnik ausgestattet und niemand muss 72 Stunden vorher einen Reiseantrag stellen. Wer mit einem Rollstuhl lebt, kann ohne Probleme in der Stadt zum Einkaufen gehen, da kein einziger Bordstein ein Weiterkommen behindert. Die Liste mit weiteren Beispielen ließ sich beliebig lange fortsetzen.Ein vorbildlicher Beweis dafür, wie man mit einer durchdachten Stadtplanung einen Lebensbereich für alle seine Bewohner schaffen kann.

Selbst in einem zehnminütigen Kinowerbeblock wurde das Thema Inklusion nicht außen vor gelassen und dreimal in verschiedenen Werbebeiträgen thematisiert. Im Zentrum stand dabei immer der Slogan „Nothing for us, without us“.

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Nach vier Tagen in der stickigen Gartenlaube gönnte ich mir den Luxus und zog zu Paul Pax, einem Jazzmusiker, der neben seiner musikalischen Karriere als persönlicher Assistent von Richard Hill arbeitet. Richard arbeitet für den Gemeinderat und berät Menschen mit Behinderung in allen rechtlichen Belangen. Zur Zeit ist für ihn das Persönliche Budget ein großes Thema. In verschiedenen Workshops informiert Richard Interessierte, wie sie ihre eigenen Assistenten und Hilfsmittel finanziell so organisieren können, ohne dass eine Institution dies für einen übernimmt. Richard beklagt nämlich, dass viele Trägerschaften unverhältnismäßig viel Geld abspalten und am Ende für die eigenen Bedürfnisse nicht mehr viel übrig ist. Es ist auch ein wirklich beängstigendes Gefühl, wenn man jeden Morgen von einem anderen Hanswurst geweckt wird, der dir neben Einkleiderei auch noch bei der Toilette hilft. Weiter wird man auch bei fehlender Mitbestimmung eben dann „ins Bett gebracht“, wenn das die jeweilige Institution vorab so festgelegt hat. Das hat nicht mehr viel von Flexibilität, zumal kein Mensch ganz genau sagen kann und will,was er, sie, wann, wo, wie und mit wem in den nächsten 31 Tagen des Monats machen will. Mit Realität hat das auch nicht viel zu tun. Das Persönliche Budget ist daher ein weiterer Schritt Richtung selbstbestimmtes Leben. Nun kann Richard seine 18 Assistenten über die ganze Woche nach eigenen Ideen und Plänen selbst verteilen und auch entscheiden, wie viel er für die Unterstützung bezahlt. Richard kritisiert, dass viele paritätische Einrichtungen unzureichend über das persönliche Budget informieren. Was natürlich logisch ist, denn wer würde sich gerne als Dienstleistung überflüssig machen. Irgendwie paradox.

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Richard Hill

 

Murderball

Stellt euch den brutalsten Sport vor, den ihr kennt und besetzt die Spielerpositionen gleichzeitig mit verrückten Hooligans, verlegt das Spielfeld in eine Halle und lasst euch einen Rollstuhl vom A-Team aus Schrott und aus aussortierten Raketenteilen zusammenschweißen. Lasst anschließend alle Streitwägen wie eisenbeschlagene Flipperkugeln aufeinander krachen und zieht eine Bannmeile zu deiner eigenen Sicherheit um das Spielfeld. Dann habt ihr in etwa eine wage Vorstellung davon, wie Murderball funktioniert. Zugegeben: Die Namensgebung entpuppte sich als nicht sonderlich sponsorentauglich und so wurde der Name des Sports in die verniedlichte Variante des Weelchair Rugbys umgetauft. Das Spielkonzept bleibt dabei unverändert.

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DSC02517Ich selbst durfte dem Schauspiel an einem Abend beiwohnen. Besonders fasziniert war ich von einer jungen Frau, die sich mit entsprechender Härte gegen ihre männerdominierte Gegnerschaft zur Wehr setzte. Robin lebt mit einer Zerebralparese und ist die einzige Frau Australiens, die in dieser Sportart mitmischt. Zusätzlich betreibt sie Rollstuhlbasketball, Sprint und wahrscheinlich noch einiges mehr. Robin wünscht sich übrigens mehr Kontakt zu anderen Sportlern, die mit einer Behinderung leben. Wer ihre facebookseite besuchen möchte, klickt hier: https://www.facebook.com/robyn.lambirdwalton?fref=ts

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Robyn

DSC02626 Es ist schwer, diesen Sport weiter zu beschreiben und daher empfehle ich ein Video, welches von Nick Peters produziert wurde. Nick selbst spielt ebenfalls Wheelchair Rugby und repräsentierte Australien bei den Specialympics.

http://www.youtube.com/watch?v=98SzOZ-Ln_c

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Surfen ohne Barrieren

DSC02638Ich glaube ich sterbe. War das der Wecker? Hab ich den auf 4:45 gestellt? Das kann doch nur ein Fehler gewesen sein. Meine Augen bekomme ich auch nicht richtig auf. Fallen immer wieder zu. Ok, wach bleiben! Statusbericht: Es ist Samstag, ich liege in einem Bus, es ist kalt, draußen scheint der Mond, Sterne am dunklen Himmel. Keine Geräusche, nicht mal Vögel. Ich fasse zusammen: Viel zu früh! Fünf Minuten für das Anziehen irgendwelcher Dinge und was man sonst noch im Halbdunkeln zu greifen bekommt. Zähneputzen, Rucksack schultern, aufs Fahrrad schwingen und durch die Nacht dieser Großstadt rasen. Ich trage meine Jacke, wahrscheinlich zum ersten Mal in den letzten zehn Tagen Australien. Halbe Stunde Fahrt durch leere Gassen. Den ersten Zug nach Fremantel erwischen, denn heute wird der Strand für alle Menschen präpariert, die sich mit ihrer Beeinträchtigung auf Wellen reiten wollen.

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Noch herrscht Ruhe vor dem Sturm…

Am Bahnhof sitze ich alleine auf der Bank. Weiter entfernt steht ein Mädchen mit einem Tattoo am Bein. Sie sieht nicht wirklich glücklich aus. Im Hintergrund prügelt sich die Polizei mit einem Betrunkenen. Ein Staubsauger sorgt für ein monotones Hintergrundbrummen. Ich stelle für mich fest: Bahnhöfe an einem Samstagmorgen sind doch überall gleich. Die Bahn kommt. Eine halbe Stunde später stehe ich am Meer. Im Hintergrund schieben sich erste wärmende Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Das Surfing Center neben mir sieht ebenfalls sehr verschlafen aus. Zwei freiwillige Helfer laufen an mir mit einem Banner vorbei. Wir grüßen uns. Auf einer Wiese stehen etwa 20 weitere Freiwillige, die Kisten in alle möglichen Richtungen tragen. Inmitten dieser Bewegungen koordinitert Bruce, der Präsident der Disabled Surfer Association für die Region Perth. Bruce selbst ist seit vielen Jahren aktiver Surfer und organisiert regelmäßig solche Events, die jedes Mal von etwa 400 Freiwilligen und 50 gewillten Surfern begleitet werden. Um sechs Uhr in der Frühe war von den Freiwilligen aber noch niemand zu sehen. Zwanzig müde Seelen bereiteten derweil den Strand für die Gäste vor. Es wurden Strandrollstühle zusammengebaut und lange Strandmatten für einen barrierefreien Zugang zum Strand verlegt. Aufgestellte Pavillons sorgten für Schatten. Berge aus Getränken und Essen wurden aufgetürmt.

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Hier existiert vielleicht noch Nachbearbeitungsbedarf

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Rollstuhlmatten für den Strand

Um acht Uhr kamen plötzlich von allen Seiten junge Menschen (hauptsächlich Schülerinnen), die sich routiniert auf die blauen Westen stürzten, die jeden Freiwilligen kennzeichnen. Die ersten Surfer trafen ebenfalls ein und zogen sich eine gelbe Weste ein. Es wird wild durcheinander geredet. Aufregung liegt in der Luft. Eine Stunde später werden die ersten Surfbretter mit wagemutigen Surfern über die Brandung geschoben. Die Wellen sind beachtlich hoch und krachen immer wieder auf die kreischenden Freiwilligen ein. Zwei Linien aus Menschen zu halten, erweist sich als schier unmöglich, wenn sie permanent von Wassermassen auseinander gesprengt werden. Doch steht die Formation nach kurzer zeit wieder verlässlich im Wasser und bildet einen Korridor, durch welches das Surfbrett geleitet wird. Jeder Surfer kann sich auf 100 Hände verlassen, die bei einem Sprung ins Wasser sofort nach dir greifen.

DSC02674Ich war begeistert! Alle neuen Surfer wurden von den Freiwilligen mit lautem Jubel empfangen und jeder abgeschlossene Ritt auf der Welle mit Applaus gewürdigt. Trotz eisiger Temperaturen blieben die HelferInnen stundenlang im Wasser und ermöglichten jedem der Surfer ein unvergessliches Erlebnis. Wer fertig war, setzte sich zum Wärmen in die Sonne und war sogleich in bester Gesellschaft der HelferInnen, die um kein Gespräch oder Blödsinn verlegen waren.

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DSC02694DSC02702Wer auch immer an diesem Tag Teil dieser Veranstaltung war – Hier konnte man beispielhaft erleben, wie leicht innere und äußere Barrieren fallen können und wie solche Aktionen das gesellschaftliche Bewusstsein nachhaltig mitgestaltet. Denn all diese Schülerinnen und Schüler, die an diesem Tag gemeinsam mit den Surfern im Wasser standen, werden anschließend in der Schule von diesem Erlebnis erzählen. Sie werden Fotos zeigen und weitere Freunde dazu motivieren, das nächste Mal mitzukommen. Denn es ist normal, verschieden zu sein. Meine Hochachtung!

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Praktisch nix zu tun…

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