Südafrika / Lesotho

„It has been already concerned…“

Oh mein Gott! Johannesburg! Bürgerkriegsähnliche Zustände! Brennende Häuser und Lynchjustiz! Kein flächendeckendes Internet! Alle reden immer davon, dass Kapstadt doch solch eine schöne Metropole sei und ich lande ausgerechnet in Johannesburg, einer der gefährlichsten Städte der Welt. Ja hab ich denn nie Fernsehen geguckt? Ein Blick auf die Seite des Auswärtigen Amtes hätte doch gereicht, um zu wissen, dass es einfacher sei, in den ungiftigen Teil eines Kugelfischs zu beißen, als in diesen morbiden Straßen kein Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden.

Das Flugzeug landet. Es ist vier Uhr morgens. Verschlafen versuche ich zu vergessen, auf welche akrobatische Arten ich auf meinem Sitzplatz nach wenigen Momenten des Schlummerns gesucht habe, bevor ich frustriert rekapitulierte und Thor auf der verpixelten Mattscheibe anschaute. Ich frage mich übrigens mittlerweile zum zehnten Mal auf dieser Reise, warum alle Passagiere sofort aufstehen, sobald das Flugzeug stoppt, um dann dumm dämlich dicht gedrängt im Gang zu stehen und gemeinsam in Reih und Glied darauf warten, dass die Flugzeugtür sie endlich in die Freiheit entlassen. Beim letzten Mal habe ich nach der Landung das gesamte Infoheft der Südafrikanischen Airline durchgelesen, bevor die Menschen das Flugzeug verlassen durften. Der Homo Imganges.

Ich stapfe wie taub durch die gähnend langen Korridore dieses morgendlichen Flughafens. Ein eigenartiges Bild: Flughäfen zur frühen Stunde. Diese Leere hat durchaus etwas sehr Ästhetisches. Kombiniert mit der zur Dämlichkeit reichenden Müdigkeit, fühlt sich jeder Schritt wie der Spaziergang auf flauschigen Wolken an. Wahrscheinlich werden wir im Jenseits durch einen ähnlichen Gang geleitet. Selbstverständlich mit solchen flachen Beschleunigungsrolltreppen, wie sie nur an Flughäfen zu finden sind. Zumindest, wenn es der Economy-Service im Himmel zulässt. Und wahrscheinlich werden wir auch hier in einer langen Reihe stehen und darauf warten, dass was passiert. Ob es im Himmel auch noch Passkontrollen gibt?

Ich benutze ebenfalls diese Beschleunigungsrolltreppen. Man nimmt schließlich mit, was man kann. Ich höre den Wind in meinen Ohren rauschen und gelange schnellen Schrittes an die Gepäckausgabe, wo ich mich in die zweite Reihe anderer Schlafzombies stelle, die starr und regungslos die schwarzen Lamellen des Koffertransportsystems betrachten. Hab mir dabei vorgestellt, dass Werbung oder politische Propaganda an dieser Stelle platziert werden sollte, denn wo drauf gucken Menschen ohne Unterbrechung mit akribischer Konzentration für solch eine lange Zeit? Egal! Ich blicke auf mein Telefon. Es ist fünf Uhr. Der Kopf dröhnt wie ein geschütteltes Bienenhaus. Gerade habe ich trotz hoher Aufmerksamkeit verpasst, wie mein Rucksack an mir vorbeifuhr. Ich schlage mir eine Lücke in die bewegungslose Mauer der Schlafzombies und renne zum Ausgang. Passtempel und Geld holen und dann mal überlegen, wie ich meinen Weg zu Manny, meiner Übernachtungsmöglichkeit, antreten soll. Bei Manny habe ich mich für zwei Tage eingemietet und ihm einen Tag zuvor mitgeteilt, dass mein Flieger in aller Herrgottsfrüh landen wird. Vielleicht werde ich sein Haus um neun Uhr erreichen, teilte ich ihm in einer Mail mit. Ich stehe vor dem Ausgang. Die Tür öffnet sich und ich übersehe zuerst den auf mich wartenden Portugiesen. Alle Hochachtung! Ich ziehe den Hut vor solcher Gastfreundschaft. Denn wer auf dieser Welt sammelt einen unbekannten Touristen um fünf Uhr morgens an einem Flughafen auf. War es auch langsam satt, zwischen den ganzen sich bis zur Besinnungslosigkeit freuenden Familien durchzulaufen, die ihre vermissten Liebsten in die Arme schließen, als kämen sie nach jahrelangem Fronteinsatz wieder zurück in die Heimat. Doch heute steht dort jemand, der meinen Namen kennt und begrüßt mich mit einem heißen Kaffe, der mich mit jedem Schluck spüren lässt, wie sich immer mehr meiner Hirrnmasse zur Intelligenz hin ausrichtet. Dann Rucksack ins Auto werfen, Türknöpfe runter und hin zur Sonne, welche sich zaghaft durch einen seidigen Wolkenvorhang schob. Es ist mittlerweile sechs Uhr morgens. Ich liege im Bett. Der Schlaf haut mir trotz Kaffee mit voller Wucht in die Fresse.

Ich wache auf, der Kopf ist immer noch „out of order“. In Südafrika wird wieder gehupt. Erst einmal die Lage analysieren: Nicht mehr in Australien. Ein neuer Kontinent. Vielleicht liegt es auch am Jetlag, aber ich gestehe mir ein, dass ich mich die ersten Stunden des Tages nicht vor die Tür getraut habe. Abgesehen davon wurde mir davon auch abgeraten, mal eben so um die Häuser zu schlendern. Es ist schon komisch, aber in solchen Momenten werde ich mir immer wieder meiner eigenen Freiheit bewusst. Genau dann, wenn ich mich hinter Mauern und Elektrozäunen befinde und mir von Seiten der Bewohner vermittelt wird, dass meine panische Paranoia durchaus berechtigt ist. Aber wenn ich mir jetzt schon in die Hosen mache, wie will ich denn mit meiner Kamera in Soweto herumlaufen und Menschen mit Beeinträchtigungen aufsuchen und dies auch noch alleine? Ich, als ein erfahrener Kriegsjournalist, Mitglied des Bangbangclubs und Pulitzerpreisgewinner mit Auslandserfahrungen in Bosnien. Doch bevor ich mich ins soziale Kreuzfeuer schmeiße, gilt es eine andere schwere Arbeit zu meistern: Das Bussystem! Man stellt sich an eine beliebige Straße, hält den Finger mahnend wie ein Lehrer in die Höhe und einige Sekunden später sitzt man in einem klapprigen weißen Minivan Richtung Innenstadt oder sonst wohin. Wer nach einer holprigen Fahrt am großen Terminal aussteigt,der weiß sofort, vor welchen kritischen Situationen das Auswärtige Amt warnt. Aber wenn man sich schnurstracks einen Weg durch dieses Chaos bahnt, kann einem nichts passieren. Und wer sich zuvor akribisch genau die Stadtkarte angeschaut hat, kennt seinen Weg durch dieses Gewirr mit konsequenter Genauigkeit. Ich bin Jason Bourne!

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Weitere Informationen zum Bang Bang Club: http://de.wikipedia.org/wiki/Bang-Bang_Club

Nach zehn Minuten habe ich mich hoffnungslos verlaufen. „Ich bin verloren“ musste mir wie ein all verkündender Regenbogen aus dem Hintern geschossen sein, denn plötzlich sehe ich mich umringt von heftig gestikulierenden Männern, die mir für viel Geld so ziemlich alles sagen wollen. Ich frage eine alte Frau.

Ich stehe im Foyer von Amnesty International. Suche nach Verantwortlichen, erkläre, dass ich alles schon am Telefon erklärt habe, bevor mir erklärt wurde, dass eigentlich schon alles damit gesagt sei, da Amnesty an diesem Themenschwerpunkt nicht arbeitet. Eigenartig, dass eine Institution für Menschenrechte keine Menschenrechtsverstöße zu Menschen mit Behinderung sammelt. Dann steht man schon mal dumm da, wenn einem nicht einmal Amnesty in dieser Hinsicht weiterhelfen kann. Zumal in Südafrika besonders Frauen mit Behinderung auffallend häufig Opfer von Vergewaltigungen werden.

Dabei gäbe es gerade in Südafrika einiges aufzuarbeiten: 27,5% der neugeborenen Kinder leben mit einer Behinderung oder erwerben diese aufgrund von Mangelernährung in den nächsten vier Lebensjahren. Man sieht viele Kinder in den Straßen. Nur aber das ewig vertraute Bild, eben kein Kind zu sehen, dass mit einer Behinderung zwischen den Häusern spielt. Zumindest nicht offensichtlich, denn oft werden die Kinder wieder aufgrund empfundener Scham und Schande zuhause versteckt. Wer ein Kind mit einer Behinderung hat, empfindet sich von Gott für sein sündiges Verhalten bestraft und will deshalb nicht zum Gespött der Leute werden.

1994 schaffte Südafrika einen friedlichen Übergang in eine Demokratie, in welcher alle Menschen des Landes als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt wurden. Der ANC (African Nation Congress) verpflichtete sich dazu, das Leben aller Gefährdeter zu verbessern. 1996 wurde dies durch ein Antidiskriminierungsgesetz nochmals ausdrücklich für Menschen mit Behinderung betont. Doch haben Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, finanzielle Misswirtschaft Korruption, das Erbe der Apartheid, ein schlechtes Bildungssystem und miserable Bereitstellung von medizinischen Dienstleistungen dazu geführt, dass man über die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung hinweg gesehen hat. Weiter existiert meiner Einschätzung nach eine ökonomische Apartheid, die aufgrund von sozialen Hintergründen und einem daraus resultierenden Zugang zum privaten Bildungssystem entsteht. Wer Geld hat, kann auch seinem Kind die beste Bildung ermöglichen. Und diese ist nicht in einer staatlichen Einrichtung zu suchen. Geld hat in erster Linie immer noch die weiße Bevölkerung. Dieses Ungleichgewicht führt dazu, dass Menschen mit einer Behinderung und einer weißen Hautfarbe einen besseren Zugang zum ersten Arbeitsmarkt und zu Dienstleistungen hat, als ein Mensch mit Behinderung und einer schwarzen Hautfarbe. Es ist auch kein Geheimnis, dass die meisten Organisationen zwischen Menschen mit Behinderung bis Ende des 20. Jahrhunderts rigide zwischen Menschen mit weißer und schwarzer Hautfarbe unterschieden haben, also noch lange nach der Apartheid. Eine Frau hat mir in Johannesburg hierzu gesagt: „Das Schlimmste, was dir auf dieser Welt passieren kann, ist, als eine Frau geboren zu sein, als eine Frau mit schwarzer Hautfarbe, als eine Frau mit schwarzer Hautfarbe und Behinderung, als eine Frau mit schwarzer Hautfarbe, Behinderung und Aids, als ein Mädchen mit schwarzer Hautfarbe, Behinderung und Aids. In dieser Hierarchie.

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Durch die Befreiungskriege wurden vielen Menschen Opfer durch Polizei und Militär. Viele Schwerverletzte verloren in dieser Zeit Arme und Beine durch Amputation. Dies führte zur Gründung der Organisation „Disabled People Southafrika“. Führend in der DPSA war der Jurist Albie Sachs, der nach einem Bomenattentat einen Arm und ein Auge verlor. Als Jurist setzte er sich nicht nur für den ANC ein, sondern begünstigte, dass 1996 ein Gesetz erlassen wurde, dass Diskriminierung von Menschen mit Behinderung unter Strafe stellte. Vertieft wurde dieses Gesetz durch die „Integrated National Disability Strategy.“ welches diesen Fokus auf Bildung und Arbeitswelt legte. 2001 schuf der ANC das Office of Status of Disabled People (OSDP), welches die parlamentarische Koordinationsstelle für Menschen mit Behinderung darstellt. Anhand dieser Entwicklung kann man beispielhaft den Hut ziehen und zurecht behaupten, dass Südafrika bis 2001 die stärksten Gesetze für Menschen mit Behinderung in ganz Afrika auf den Weg gebracht hat. 12 Jahre später ist davon allerdings nicht mehr viel übrig.

Was anfangs wie ein gesellschaftlicher Meilenstein aussah, verpuffte aufgrund fehlender Kapazitäten und einer katastrophalen Verteilung der Ressourcen. Korruption und mangelnder politischer Wille trugen ihren weiteren Teil dazu bei, dass in diesem Staat das Thema Behinderung ziemlich am gesellschaftlichen Rand steht. Besonders dramatisch traf dies die Kinder. So erreichten die vorab eingerichteten Sonderschulen für Kinder mit sensorischen Beeinträchtigungen den Status Exitus. Gebärdensprache wurde nicht vermittelt, für visuell eingeschränkte Kinder gab es keine Braillemaschinen oder entsprechendes Punktschriftpapier. Entweder staubten die Geräte in den Schulen in irgendwelchen Ecken ein oder das Geld hierfür ist verschwunden. Finanziert wurden diese Hilfsmittel übrigens von den Eltern selbst bereit gestellt werden. Aber was hilft dies, wenn Lehrkräfte mit entsprechender Kenntnis in Gebärdensprache oder Brailleschrift fehlen? Von 22 staatlichen Sonderschulen in Südafrika (Nochmal: 22 Sonderschulen), bereiteten nur drei auf ein Abschlussexamen vor. Der Rest,…tja, was machte eigentlich der Rest?

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Zwar wurde mit einem 1998 verabschiedeten Gesetz zur Gleichstellung aller Menschen in der Beschäftigung der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt rein theoretisch ermöglicht. Ein wichtiges Gesetz, denn sind Betriebe rechtlich dazu verpflichtet, 2% seiner Belegschaft für Menschen mit Behinderung zu reservieren. Was ziemlich absurd ist, da 1% aller Menschen mit Behinderung in Südafrika überhaupt einer bezahlten Beschäftigung nachgehen darf. Weiter hat sich die Anzahl „geschützter Werkstätten“ seit 1998 nicht erhöht und der Übergang hin zum ersten Arbeitsmarkt ist nahezu ausgeschlossen. Stattdessen erhalten Menschen mit Behinderung seit 2009 1080 Rant pro Monat Sozialunterstützung (etwa 74 Euro). Da die Arbeitslosigkeit im gesamten Land bei 25% liegt, stellt dieses Geld für viele Familien die einzige Einnahmequelle da, von welchem sich eben auch die ganze Familie ernähren will. Was am Ende für denjenigen übrig bleibt, für welchen dieser Sozialbeitrag gedacht ist, kann sich ja jeder selbst denken. Auch Südafrika hat noch nicht erkannt, dass ein inklusiver Arbeitsmarkt der gesamten Wirtschaft hilft und dass Menschen mit Behinderung keine Almosen aber Optionen wollen.

Seit 2003 gibt es zwar eine kostenlose Gesundheitsvorsorge für Menschen mit Behinderungen, aber fünf Jahre später fehlen dem ganzen Land praktisch 46000 Pflegekräfte und 10000 ausgebildete Ärzte. Man muss an dieser Stelle allerdings auch sagen, dass dies natürlich die gesamte Bevölkerung betrifft. Eine Situation, die Amnesty International sehr besorgniserregend findet. Oft erheben sich Ärzte nicht einmal von ihrem Stuhl, bevor ein entsprechender Geldbetrag offeriert wird. In der einen Woche, die ich in Johannesburg verbrachte, verlor eine schwangere Frau ihr Kind und ihr Leben, da sie in ihrem Rollstuhl mit geplatzter Fruchtblase zwischen zwei Krankenhäusern hin und herfahren musste, da sie als Spezialfall abgewiesen wurde. Diese Information erhielt ich dann doch von Amnesty International. Man wird in Südafrika möglichst nicht krank, schon gar nicht, wenn man in der Provinz lebt und schon gar nicht, wenn man mit einer Behinderung lebt. Anhand dieser Gesamtsituation gäbe es also tausend Gründe, in Südafrika zu bleiben, und trotzdem soll der Schwerpunkt meiner Reise in Lesotho sein.

212382773_5a1e2f0aaf_oDie nächste Adresse auf meiner Liste galt Saalet, einem Trainingscenter für Lehrkräfte, die sich für Inklusion interessieren. Verantwortlich für diese Art von Fortbildung, ist eine einzige Frau, die sich nach bestem Gewissen in dieses Thema eingearbeitet hat. Wer diese Dame mit weiterem Material versorgen möchte, der kann sich gerne mit mir in Verbindung setzen. Sie freut sich auf jeden noch so kleinen Gedankenaustausch. Google übersetzt dann den Rest.

Es ist kalt. Es hupt. Es muss sechs Uhr morgens sein. Ich schultere verschlafen meinen Rucksack, stelle mich wieder an eine beliebige Straße Johannesburgs, halte den Finger in die Höhe und warte auf einen der anfangs erwähnten weißen Kastenwagen, der mich zum Busterminal bringt. Acht Stunden Busfahrt für 400 Kilometer gerade Strecke und dann noch nicht einmal an der Grenze zu Lesotho. Irgendetwas läuft hier falsch in der Savanne und einem vermeidlichen Raum-Zeit-Kontinuum. Doch das soll jetzt nicht Thema sein. Verbringe eine Nacht in Ladybrand, bevor ich am nächsten Tag ebenfalls zur gleichen Zeit in einem weiteren Minibus auf meine Ankunft an der Grenze in Lesotho wartete. Und hier fing die Party an.

DSC02860„Hallo?“ „Pass!“ „Hier!“ „Danke!“ „Stempel..Danke! Frage?“ „Ja, der Fleck in meinem Pass?“ „Das ist der Stempel!“ „Nein, dieser hier…“ „Ist Hänchenfett! Esse gerade mein Frühstück. Weitere Fragen? Nein? Da hinten ist Lesotho. Tschüss!“

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Und überhaupt, wo ist eigentlich dieses Lesotho? Kurz beschrieben: Ein kleines Königreich, dass sich gleichzeitig konstitutionell sieht und komplett von Südafrika eingeschlossen ist. 2 Millionen Einwohner, die auf einer Fläche so groß wie Brandenburg leben, mit einer Landschaft wie in der Schweiz, allerdings mit beachtlich weniger Geld. 43 % der Gesamtbevölkerung lebt von weniger als einem Dollar pro Tag. Eine Mittelschicht existiert praktisch nicht. Das Land ist bitterarm. Bildung wird in Lesotho trotzdem sehr großgeschrieben, denn mit 13 % des Bruttoinlandsprodukts geben sie 7,7 % mehr aus als Deutschland. Trotz alledem ist die Arbeitslosigkeit beachtlich hoch. Besonders stark hiervon betroffen sind Menschen mit Behinderung, die zu 0,6 % auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt sind, obwohl viele über abgeschlossene Ausbildungen verfügen. Gastfreundschaft ist den Menschen in diesem Land sehr wichtig. Man ist um dein Wohlbefinden stets besorgt und behandelt Dich wie einen König. Solltest du allerdings auf die Idee kommen, den eigentlichen König öffentlich zu diskreditieren, bringen sie dich um (wurde mir zumindest so als Verhaltenstipp empfohlen).

DSC02823-001Zurück zur Grenze. Gleich nach einer riesigen Tür aus Metall stand ich vor einem Touristenoffice. Da ich über die Hotelverfügbarkeit keinen Plan hatte, besuchte ich die einsame Dame, die auf ausländische Touristen wartet, welche nur in homöopathischer Dosierung über die Landesgrenze schwappen. Doch bevor sie mich mit derlei Informationen bombardierte, gab es erst einmal Kaffee und ein langes Telefongespräch mit meiner vermeintlichen Kontaktperson. Diese tauchte auch gleich nach dem letzten Schluck meines morgendlichen Erweckungsgetränks auf und fuhr mit mir in die Stadt. Ich fragte sie, warum sie auf meine unzähligen Mails nicht geantwortet hat. Sie sagte, sie wurde gefeuert und konnte die Nachrichten im Büro nicht mehr abrufen. Aber sie wird jetzt gleich mit den Mitarbeitern ein ernstes Gespräch am Telefon führen, denn diese wurden über mein Kommen informiert und haben nach eigener Aussage ebenfalls tausende Mails an mich geschickt. Naja, das kennen wir ja mittlerweile zu Genüge.

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Wenn der Schulbus kommt…wenn er kommt…

Vor einer Fleischerei hielt die Dame an. Es ist heiß! Wir müssen nun auf die Anderen warten, wird mir gesagt. Und so warteten wir. Bis plötzlich ein riesiges weißes Auto den Himmel verdunkelt, mit einer Vollbremsung vor uns zum Stehen kommt und ein ebenfalls großer Mann das im Staub geparkte Auto mit schweren Schritten verließ. Irgendwie hat er Ähnlichkeiten mit Mike Tyson. Er begrüßt mich mit einem Handschlag, der in der Lage gewesen wäre, das Meer zu teilen, setzt sich allerdings sofort wieder ins Auto und verschwindet. Wir warten weiter. Nach einer halben Stunde taucht erneut die weiße Karre mit einem weiteren Auto am Horizont auf. Zwei Männer steigen aus. Den einen kannte ich schon, der andere ist Vizepräsident von LMFOD (Lesotho National Federation of the Disabled). Dieser heißt mich willkommen wie Angela Merkel chinesische Politiker und teilt mir ohne Umschweife mit, dass ich um vier Uhr nachmittags ein wichtiges Meeting mit dem gesamten Vorstand von LMFOD haben werde (was alles in einer Mail an mich gestanden haben soll). Also fuhren wir mit meiner eigenen Autokolonne zu einem Hotel, luden mich und meine Sachen dort aus, verwiesen nochmals auf das Meeting um vier Uhr und verschwanden wieder in einer Wolke aus Staub.

DSC02866Um vier Uhr steht das weiße Monsterauto in der Einfahrt. Ein Mitarbeiter des Hotelpersonals schiebt seinen Kopf langsam in meine Zimmertür, um mir unsicher mitzuteilen, dass dort drei Männer in einem großen Wagen auf mich warten. Ob ich sie kenne oder ob er lieber die Polizei rufen soll. Ich lasse ihn im Unklaren und verschwinde mit den Worten: Keine Sorge, dass sind meine Jungs.“

Im Auto sitzen Sefuthi, Moeletsi und Simon. Die ersten Beiden verkörpern die Leitung der Lesotho National Federation of the Disabled (LNFOD), die einzige in Lesotho existierende Institution für Menschen mit Behinderung, die Forderungen, Bedürfnisse und Anregungen mit dem Parlament kommuniziert. Die Erfolge sind gering, aber immerhin werden sie regelmäßig von verschiedenen Regierungsbeamten angehört. LNFOD´s großes Anliegen ist die Umsetzung der UN-Konvention für Menschen mit Behinderung, welches das parlamentarische Königreich ebenfalls ratifiziert hat.

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Eine Geschichte aus Leratos Leben – Bitte aufs Bild klicken!

Zusammen fuhren wir in eine der zwei Shoppingmals in Maseru. Wolfgang Wolf hat mich vor einigen Monaten in Neuseeland gefragt, warum viele Menschen mit Beeinträchtigungen Shoppingmals so lieben. Nun, es ist schlicht und ergreifend Fakt, dass diese Einkaufszentren unabhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen und finanziellen Möglichkeiten immer barrierefrei gebaut werden. Selbst hier in Lesotho kann man innerhalb dieser Konsumtempel keine einzige physische Barriere erkennen. Und wahrscheinlich befand sich hier auch die einzige ausgebaute Behindertentoilette Lesothos. Dafür hatten wir einen Stromausfall und tranken warmen Saft in einer Bar. Sefuthi und Moeletsie sind beide von diesem Projekt begeistert und versprechen mir die volle Unterstützung. Bis zu diesem Zeitpunkt weiß ich allerdings noch nicht, was dies letztendlich für die nächsten fünf Tage bedeuten wird. Wir arbeiteten Schwerpunkte heraus und diskutierten über mögliche Orte, die einen realen Blick auf die Situation von Menschen mit Behinderung ermöglichen. Um den Terminplan mit zwei weiteren Mitarbeitern abzugleichen, soll ich Morgen um acht Uhr im Büro von LNFOD erscheinen.

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Diskussion zum Thema Selbstbestimmung von DPO/ Maseru

Pünktlich um 8 Uhr steht die weiße Karre wieder in der Einfahrt des Hotels. Dieses Mal ist sie allerdings mit drei sehr aufgeweckten Damen besetzt, die mich innerhalb kürzester Zeit mehr ausfragen als vietnamesische Grenzbeamte. Aber letztendlich hat dieses kurze Gespräch dazu geführt, dass mir weitere Plätze für vermeintliche Besuche angeboten wurden. Im Büro angekommen sitze ich auch sogleich in einer Konferenz und darf feststellen, dass sich alle drei Herren über Nacht intensiv Gedanken darüber gemacht haben, auf welche Weise sie dieses Projekt unterstützen können. „It has been already concerned!“ ist dabei ein sehr häufig verwendeter Satz. Ich kann mich also entspannt zurück lehnen und darauf warten, wie mir die Termine auf einem Silbertablett offeriert werden. Dachte ich zumindest. Wenn sich dabei nicht ein kleines Problem einschlich: Kombiniert man nämlich drei politisch aktive Männer, die alle individuelle Ideen und Vorstellung verfolgen, mit dem Störfaktor „fehlendes Raum-Zeit-Management“, dann ergibt sich dadurch ein Terminplan, den nicht einmal Chuck Norris hätte einhalten können. So ist auch für den restlichen Montag schon alles „already concerned“: 9 Uhr – Besuch einer Frau mit visueller Einschränkung in einer Bank, Treffen mit einer unbekannten Frau um 11 Uhr, 13 Uhr – Besuch des Hauses der unbekannten Frau, 15 Uhr – Besichtigung des Rehabilitationszentrums für Menschen visueller Einschränkung, 17 Uhr – Treffen einer NGO, die sich für die Rechte von Menschen mit visueller Einschränkung stark macht. Kann man nicht klagen, selbst wenn dazwischen wenig Zeit zum Luftholen existiert oder die zu besuchenden Adressen über kein Kommen gar nicht unterrichtet wurden. So wusste weder die Dame in der Bank, noch die NGO, wer und warum ich bin. In Lesotho spielt dies allerdings keine große Rolle, da man einen Gast immer sehr gerne empfängt. Selbst wenn mein Anliegen ein spezielles ist. Kaffee gibt es trotzdem. Komplizierter wird es allerdings, wenn die Herren verschiedene Treffen organisieren und sich selbst nicht darüber unterrichten und ich beispielsweise am Dienstag mit der vollen Ladung konfrontiert wurde: 9 Uhr Treffen mit Leratho, 11 Uhr Treffen mit Sefuthi, 13 Uhr Treffen in der Amerikanischen Botschaft mit Mana, 15 Uhr Treffen mit DPO Mitgliedern, 17 Uhr Treffen mit Lesotho Association for the Blind People, 19 Uhr Abendessen mit Rithabile mit Leratho. Ich dreh durch…

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Ein Beispiel für Barrierefreiheit in Lesotho – Bitte hier klicken!

 

Das Treffen mit der unbekannten Frau gestaltet sich allerdings etwas anders als geplant. Pünktlich und dem Herzinfarkt nahe stehe ich im Schweiße meines Angesichts im Büro von LMFORD und schnappe nach Luft. Gleichzeitig lasse ich meinen Blick schweifen und suche nach jemanden, der auf die mir mitgeteilte Beschreibung passen könnte (sie ist eine Frau). Ich kann allerdings niemanden entdecken, der auf mich zu warten scheint. Ich setze mich und stelle mich ebenfalls aufs Warten ein. Dabei beobachte ich eine junge Frau, die Ordner locht und an einem viel zu kleinen Schreibtisch alle gestapelten Papiere im Gleichgewicht zu halten versucht. Irgendwie mag ich sie. Ihr Lachen durchströmt jeden Winkels des kargen Büros und ihre Gespräche dominieren den Raum. Ich entschließe mich, sie auf meinen Film anzusprechen., was in etwa so klang: Hallo ich bin der Dennis, blabla, hab mir was vorgenommen, für Menschen, die mit Beeinträchtigungen in Lesotho, blablabla, vielleicht habe sie ja Interesse, sich mit mir zu treffen. Morgen Abend zum Essen bei ihr zuhause? Warum nicht! Hier meine Telefonnummer und lass es mich wissen, wenn etwas dazwischen kommt. Dein Name? Rithabile…Angenehm, Dennis. Ich setze mich wieder in meine Ecke, sie setzt sich in eine andere. Ich warte eine Stunde darauf, dass sich die Tür öffnete und meine Verabredung kommt, die sich extra für mich diesen Nachmittag freigehalten hat. Währenddessen bastelt Rithabile irgendetwas mit einem Stück Papier. Plötzlich springt die Tür auf und Moeletsi tritt hinein. Ich lass ihn nicht einmal Luft holen und dresche gleich mit der Frage raus, wo denn meine Verabredung sei. Sie sitzt dort am Tisch, sagt Moeletsi und deutet auf Rithabile. Die wird sich auch sonst was gedacht haben.

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Rithabiles Statement zum Thema: Was Menschen mit Beeinträchtigungen wirklich brauchen. Zum Statement auf das Bild klicken!

Ich besuche Rithabile in ihrem Zuhause. Sie lebt in einem Township. In einem Zimmer, vielleicht 12 Quadratmeter. Kein Wasser, kein Licht. Ein Bett. Zwei Stühle, ein rauschender Fernseher in der Ecke. Auf dem Bett liegt ihr Ehemann mit ihrem Baby. Rithabile hat vor drei Monaten ein Mädchen auf die Welt gebracht. Ihre Schwiegermutter weigert sich akribisch, ihre Enkelin zu sehen. Sie hat ihrem Sohn nie verziehen, dass er eine „Behinderte“ geheiratet hat. Rithabiles Zwillingsschwester und ihre Mutter schauen dagegen täglich vorbei. Rithabile hat ihre Schule erfolgreich beendet und eine Ausbildung als Erzieherin abgeschlossen. Seitdem kämpft sie allerdings ums Überleben, da sie sogleich der Tür verwiesen wird, wenn sich beim Vorstellungsgespräch heraus stellt, dass sie mit einer Behinderung lebt. Sie ist absolut arm (lebt demnach von weniger als 1,25 Dollar pro Tag) und isst manchmal tagelang nichts.Da sie ihr Kind immer noch säugt, stellt diese bei entstehenden Mangelernährung eine Gefahr da, da ihr Kind aufgrund fehlender Vitamine oder anderer Mineralien stark erkranken kann (Der Verlust des Augenlichtes ist hier in Lesotho aufgrund der Lebensmittelknappheit eine häufig erworbene Behinderung). Rithabile wünscht sich, im Township Second Hand Klamotten zu verkaufen, besonders Winterkleidung, da Lesotho im Winter Minusgrade hat und Heizungen unbezahlbar sind. Sie hat aber kein Geld, um sich diese Klamotten zu kaufen und will aber gleichzeitig keine Almosen annehmen. Sie wünscht sich Möglichkeiten, denn dann kann sie sich aus ihrer prekären Situation befreien. Ihr Mann hat nie eine Schule besucht. Deshalb versucht sie durch alle möglichen Gelegenheitsaufgaben das Überleben der ganzen Familie zu sichern. Sie verkauft Süßigkeiten an die Nachbarschaft, aber oft bleiben abends die Teller leer. An einem Abend waren beispielsweise Leratho und ich bei Rithabile zum Abendessen eingeladen. Wir haben Früchte als Geschenk mitgebracht. Nur zum Abendessen gab es nichts. Es wurde so getan, als ob man jeden Moment gleich loslegen könnte. Aber dann mussten wir schon wieder mit dem letzten Bus dieses Dorf verlassen. Gesprochen wird aus Scham darüber nur hinter vorgehaltener Hand. Als ich einen Tag später Leratho, Mono und Rithabile in der Stadt auf einen Milchshake einludt, sagte sie Leratho leise, dass dies das erste Essen sei, was sie in den letzten drei Tagen zu sich genommen hat. „Hast du das gehört, Dennis, und sie schämt sich, nach Essen zu fragen!“ Anschließend musste ich einen ziemlich heftigen Streit zwischen den beiden Damen schlichten, in einer Sprache, die ich nicht verstand.

DSC02889Während ich gerade diese Erlebnisse in meinen Rechner tippe, merke ich, dass es kaum möglich ist, all diese Eindrücke in eine Geschichte zu verpacken. Vielleicht ist dies auch gar nicht nötig. Und vielleicht ist es auch besser, die Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen. Dieses Land wird mir als eine sehr intensive Reise im Gedächtnis bleiben, zumal die Erfahrung einer bedingungslosen Herzlichkeit seiner Bewohner ein bereicherndes Geschenk ist. Gleichzeitig sah ich mich allerdings auch ohnmächtig mit dieser Armut konfrontiert, die mich mit vielen Fragen alleine gelassen hat. Man kann nicht alle unterstützen und doch sollte man. Wenig Geld könnte auch hier wenigstens dazu führen, dass Menschen mit Behinderung nicht verhungern. An einem Tag bin ich beispielsweise mit Pascalina, einer Mitarbeiterin von (LMFOD) durch die kleinen Dörfer gefahren und habe Menschen besucht, die ausschließlich mithilfe von Almosen das tägliche Überleben meistern. Fehlende Hilfsmittel und der Mangel an ausgebauten Wegen isolieren viele in ihrer Wohnung für den Rest ihres Lebens. Einer Arbeit nachzugehen gestaltet sich als sehr schwierig, da niemand bereitwillig die Leute zuhause abholen würde. Und so habe ich viele Menschen mit meiner Kamera begleitet, die ihr Leben in der Einsamkeit von manchmal 10 Quadratmetern fristen. Daran wird auch diese Dokumentation nichts ändern. Es sei denn, sie könnte diesen Menschen wirklich helfen, eben mit Möglichkeiten. Sei es in Form von Mikrokrediten oder Sachspenden, mit denen sie wirtschaften könnten. Vielleicht klingt das an dieser Stelle etwas deplatziert aber manchmal frage ich mich wirklich, ob Menschenrechte nur in Wohlstandsgesellschaften funktionieren und Demokratie auch nur dann als System überlebt, wenn die Menschen einen vollen Bauch haben. Es ist leicht, die Welt aus deutscher Sicht zu beurteilen, abzuwerten und mit einfachen Ratschlägen zu verbessern. Aber wie würde das Leben für Menschen mit Behinderung in diesem Land aussehen, wenn wir eine Inflationsrate von 1000% hätten und uns plötzlich unser Sozialsystem nicht mehr leisten wollen? Sind wir wirklich eine soziale Gesellschaft oder leisten wir uns Humanität nur als Luxus? Die Geschichte der letzten 150 Jahre weiß hier entsprechendes zu berichten. Eine Gesellschaft, die ihren Fokus ausschließlich auf der Konjunktur hat; warum soll man sich dafür interessieren, ob Menschen mit Behinderung ebenfalls ein Recht auf Arbeit haben. Warum Mindestlohn, warum Sozialhilfe, warum Rentenkasse, warum Asylrecht, warum Solidarität. warum das alles?

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Ein bemerkenswerter Beitrag zum Thema Behinderung aus der Lesetho School Maseru. Bitte aufs Bild klicken!